FEB 08. 2005
Aufruf zum Mitmachen bei freibesetzt

Hallo, wir sind Christine Schöffler und Peter Blakeney. Christine ist aus Österreich, Peter ist Kanadier und lebt seit etwa vorwiegend 1998 in Westeuropa. Wir haben uns im Jahr 2001 von Wien aus nach Holland aufgemacht um zu sehen, ob und wie es sich dort leben und (selbständig) arbeiten lässt und landeten schliesslich in Rotterdam.

Wie ihr sicher wisst, bietet die EU nur Menschen, die einen bezahlten “Job” annehmen wollen bzw. dürfen (am besten in einem multinationalen Konzern) gewisse soziale Sicherheiten, politische Rechte und Bewegungsfreiheit. Wenn man aber als KünstlerIn —und in die Kategorie ordnen wir uns mangels besserer Definition ein— ohne “Anstellung” im EU-Ausland verbleiben will, nützt einem die österreichische Herkunft auch wenig zum Überleben. Ein Aufenthaltstitel (und eventuelle Vorteile eines demokratischen Systems) hängt eben, wie überall auch, vorallem vom finanziellen Vermögen ab.

Diese etwas biographische Einleitung soll nur illustrieren, wie wichtig Freiräume einer Stadt für solche Existenzen wie unsere sind: ohne der unbürokratischen Unterkunftsmöglichkeit im “Poortgebouw”, einem legalisierten Squat, der von einer BewohnerInnenvereinigung selbst verwaltet wird und sich daher ihre neuen Mitglieder/MieterInnen selbst wählt, wären wir schon lang nicht mehr in Rotterdam. Alle anderen (legalen) Wohnmöglichkeiten bedingen den Nachweis eines regelmässigen und beträchtlichen Einkommens.

Jetzt ist es natürlich so gekommen, dass dieses Haus, also das “Het Poortgebouw”, ohne dem Mitwissen der ±30 Leute zählenden Wohngruppe —zu diesem Zeitpunkt bereits 23 Jahre Mieter!— von der Gemeinde Rotterdam im Jahr 2001 an einen privaten sogenannten Projektentwickler verkauft wurde. Für die unglaubliche Summe von € 420.000 wurde das tausende qm grosse dreistöckige “Rijksmonument” (=nationales Denkmal) verschachert.

Drei Jahre nach der Transaktion darf der Eigentümer seinen kommerziellen Bedarf an der “Immobilie” anmelden, was natürlich letzten Juli prompt passiert ist. Die Groene Groep, so ironischerweise der Name der Firma (Grüne Gruppe), will das Wohnkollektiv lieber heute als morgen evakuieren und teure Büros aus dem charismatischen Gebäude machen. Wir ersparen euch erstmal alle weiteren skandalösen Details dieser Story - wir arbeiten derzeit jedenfalls sehr aktiv am Gerichtsprozedere gegen “unseren” Hauseigentümer.

Ihr könnt euch jetzt wahrscheinlich etwas besser vorstellen, warum uns das Thema Freiräume in den letzten Jahren intensiv beschäftigt hat. Wir sehen dabei unser “Künstlerdasein” eben nicht als sterile, unpolitische Schöpfungsprozesse, die sich isoliert in einem Atelier vollziehen, sondern nutzen es zur Einmischung in alle möglichen gesellschaftlichen Netzwerke und Spannungsfelder, ob jetzt kulturelle, soziale, akademische oder eben politische. In der allgemeinen Lethargie um uns herum treibt uns oft das Gefühl der Notwendigkeit dazu an, ein Projekt zu lancieren. So haben wir irgendwann vom freien Ausschreibungsverfahren für “Ausstellungen” in der Kunsthalle Exnergasse im WUK erfahren und im letzten Moment (Mai 2004) noch unsere Idee freibesetzt fürs Jahr 2005 eingereicht (was für Zeitspannen!). Zu diesem Zeitpunkt hatten wir kein fixes Konzept, es ging uns in erster Linie einmal um die Möglichkeit, unsere in Holland gewonnenen Eindrücke und Kontakte rund um “Freiräume” in einen öffentlichen Kontext in der Wiener “Heimat” stellen zu können. Verblüffenderweise bekamen wir schliesslich eine positive Antwort vom Exnergassen-Team.

Überflüssig anzumerken, dass seither natürlich wieder viel passiert ist. Nicht nur unsere Poortgebouw Situation hat sich zugespitzt, auch die (politische) Entwicklung in ganz Holland (und überhaupt…) ist dramatischer, das EKH steht vor der Enträumung, Public Netbase ausgehungert, FLUC geht ins Exil,...usw.usw. Viele der uns bekannten, oder für uns interessanten Initiativen scheinen akute Probleme zu haben.

Irgendwie haben wir das Gefühl, dass alternative Wohn- Kommunikations- und Arbeitsformen (oder Ideen dazu) egal, wo wir hinschauen und -kommen massiv bedroht sind. Das ist sicher nichts neues, schon gar nicht für euch, und liest sich sicher etwas plump, aber wir wollen es hier doch mal so ausdrücken.

So haben wir es sehr positiv gefunden, dass in den letzten Monaten in Wien etwas in Bewegung gekommen ist. Gemeint sind die verschiedenen Aktionen zur Erhaltung/Schaffung von Wiener Freiräumen und die Vernetzung von derartigen Initiativen untereinander- soweit wir das aus der Entfernung und bei Wienbesuchen halt wahrnehmen konnten. Vielleicht war der Eindruck ja falsch, aber wir dachten schon, in Österreich würde der gesell. Status Quo von Lebensräumen, Arbeitsbedingungen usw. doch kaum hinterfragt, bzw. hingenommen. Es ist aber leider keineswegs so, dass Holland in der Hinsicht das Paradies wäre- äussere wie interne Faktoren be-oder verhindern hochnotwendige innovative Entwicklungen/Bewegungen. Abgesehen von unserem persönlichen Lernprozessen ist es aber unbestreitbar, dass die jahrzehntelange Präsenz einer aktiven “kraakbeweging” und damit verbundene Entwicklungen etwas im breiteren öffentlichen Bewusstsein bewirkt haben. Dass das Besetzen von Gebäuden dort unter bestimmten Umständen eben (noch) nicht gesetzeswidrig ist, hat über die Dekaden hin eine variierte Palette an Ausformungen von alternativen (Lebens)raumnutzungen hervorgebracht: von radikalen Protestaktionen bis zur nachhaltigen Organisation in Wohn-und Arbeitsgemeinschaften und selbstverwaltete Kunst-und Kulturplattformen. Gemeint sind auch entsprechende Beratungseinrichtungen und “Experten” gruppierungen bzw. der Erfahrungsaustausch untereinander oder über Publikationen und Veranstaltungen.

Der Text ist schon viel zu lang, darum lieber zurück zu unserem Aufruf wegen freibesetzt in der Exnergasse: Wir haben also den Raum vom 29. Juni bis 23. Juli. Nachdem wir ja -nochmal grob gesagt- Freiräume in Holland und Österreich thematisieren wollen, kommen wir ohne eure Infos und Ideen zur optimalen Nutzung so einer öffentlichen Plattform nicht weit. Wir hoffen, es könnte euch interessieren, holländische Personen und Gruppen aus diesem Kontext kennenzulernen um, wie wir uns wünschen würden, in dem (knappen) Monat, in dem uns der Raum zur Verfügung steht, gemeinsam möglichst konkrete Dinge zu entwickeln und auch ein noch weniger eingeweihtes Publikum in unseren “Bann” zu ziehen. Im Mittelpunkt sollen die Akteurinnen von Freiräumen stehen, und das was durch sie in einer Stadt möglich wird. (Natürlich denken wir auch an “Auslagerungen” von Aktionen/Gesprächen/Performances usw. an andere Orte, soweit (noch) vorhanden.)

Also, wir bitten euch in erster Linie einmal um Kontaktnahme zu uns, um weiteres persönlicher zu schreiben und euch über den aktuellen Stand unserer Pläne informieren zu können.Wir wissen natürlich von den Aktionstagen im März und Mai, wobei wir hoffen, im März dabeisein zu können, wenn es unser Gerichtsprozedere bzw. Enträumung zulässt.

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